Bereits ab dem Jahr 2006, nach dem Tod des Pfarrers, seien dem Erzbistum "erste Vorwürfe durch die Meldung von Betroffenen bekannt geworden", hieß es zuerst. Später wurde klar, dass das Erzbistum von den Nürnberger Fällen bereits 1963 informiert wurde. Ebenfalls mindestens ein Fall aus Wallenfels sei bereits vor dem Tod des Pfarrers gemeldet worden, räumt ein Bistumssprecher gegenüber inFranken.de am Dienstag (27. September 2022) ein. Auch hier wurden die Strafverfolgungsbehörden nicht informiert. Die unter Schock stehenden Menschen aus Wallenfels mussten erfahren, dass "Anerkennungszahlungen" an mehrere Opfer von Dieter S. geleistet worden seien - außerdem hätten Therapien stattgefunden, deren Kosten vom Erzbistum übernommen worden seien.
15.000 Euro für drei Missbrauchsopfer - Erzbistum schwieg in der Öffentlichkeit
"Drei der damals Betroffenen haben insgesamt 15.000 Euro erhalten. Hinsichtlich eines Betroffenen steht ein Entscheid der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen in Bonn noch aus, die Summe wird sich also noch erhöhen", erklärt dazu ein Sprecher des Erzbistums gegenüber inFranken.de. "Es sind zudem Therapiekosten übernommen worden." Warum aber wandte sich das Erzbistum Bamberg unter der Leitung von Erzbischof Ludwig Schick erst nach 16 Jahren an die Öffentlichkeit?
Der Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU) berichtete inFranken.de kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe davon, dass sich vor rund drei Monaten ein Betroffener bei ihm gemeldet habe. Der Kommunalpolitiker, selbst einst Ministrant bei Dieter S., habe zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal von den Taten gehört - und sich dann an die Kirchenverantwortlichen aus seiner Gemeinde gewandt. So hätten die Menschen in der Stadt überhaupt erst davon erfahren, dass der allseits hochgeschätzte Dieter S. mehr als zwei Jahrzehnte Jugendliche missbraucht hatte. "In Wallenfels kam jüngst die Diskussion über die Ehrenbürgerschaft von Pfarrer S. auf", erklärt hierzu der Sprecher des Erzbistums.
"In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage gestellt, ob es mehr Betroffene geben könnte. Deshalb hat das Erzbistum den Aufruf gestartet und auch die übrigen Einsatzorte von Pfarrer S. genannt", heißt es hier zur Erläuterung. Zusätzlich zu "den fünf bisher bekannten Betroffenen haben sich bislang drei weitere gemeldet", heißt es aus dem Erzbistum (Stand: Montag, 26. September 2022). Erzbischof Ludwig Schick wusste - so lässt sich aus einem Statement des Erzbistums lesen - hingegen schon lange von den Vorfällen.
Erzbistum spricht von Problemen beim "Informationsfluss": Sexueller Missbrauch in Akten nicht weitergegeben?
"Erzbischof Schick teilt mit, dass er erst nach dem Tod von Dieter S. von den Vorwürfen gehört habe", heißt es dort. Der Bamberger Erzbischof informierte allerdings bis zu der kürzlichen Kontaktaufnahme des Bürgermeisters Korn mit dem Erzbistum weder die Stadt noch die Öffentlichkeit. Obwohl die Fälle intern bekannt waren, gab es unter ihm 16 Jahre lang auch keinerlei Aufrufe an Betroffene, sich zu melden. Offensichtlich wurden auch die Personalakten von Dieter S. nicht ausreichend überprüft, als sich weitere Opfer von sexuellem Missbrauch an das Erzbistum wandten - obwohl die Informationen aus den Akten des Pfarrers laut Erzbistum Bamberg später in eine 2018 fertiggestellte Studie zu Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche einflossen.
Für die sogenannte "MHG-Studie" mehrerer deutscher Universitäten wurden "Archive und Dateien der Diözesen (...) nach Vorgabe des Forschungskonsortiums von Personal aus den Diözesen oder von diesen beauftragten Rechtsanwaltskanzleien durchgesehen". Spätestens hier hätte im Erzbistum also auffallen müssen, dass Dieter S. auch in Nürnberg sexuellen Missbrauch betrieben hatte. Das bestätigt auch der Sprecher. "Der Informationsfluss war offenbar nicht an allen Stellen perfekt", heißt es zur Erklärung. Wie das Erzbistum Bamberg erklärt, wurden dem Diözesanarchiv im April 2022 außerdem Nachlassakten aus dem Privatbesitz von Dieter S. übergeben.
"In diesen finden sich Tagebuchaufzeichnungen, aus denen Missbrauch von Jugendlichen hervorgeht", heißt es. Trotzdem entschied man sich beim Erzbistum ganz offensichtlich dazu, die Taten von Dieter S. weder 2018 noch im Frühjahr 2022 der Öffentlichkeit darzulegen. Und das, obwohl laut der 2016 gegründeten unabhängigen "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch" zentrale Schritte der Aufarbeitung "der Öffentlichkeit mitgeteilt werden müssen", wie die Empfehlung lautet. Dieter S. "hätte nach 1963 nicht mehr als Kaplan und Gemeindepfarrer eingesetzt werden dürfen", wird der Bamberger Erzbischof in einer Mitteilung zitiert. Zu seiner eigenen Rolle im Aufarbeitungsprozess war bisher öffentlich hingegen noch keine Äußerung zu vernehmen.